Interview mit der Vorsitzenden des Fachverbandes aus Anlass des Attentats auf den französischen Geschichtslehrer Paty

Am 16.Oktober 2020 verübte ein islamistischer Attentäter ein barbarisches Attentat auf den französischen Geschichtslehrer Samuel Paty. Als Grund wurde in der Presse genannt, Paty hätte die Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt. Am 20.10.2010 druckte der Tagesspiegel ein Interview ab, das die Journalistin Susanne Vieth-Entus aus diesem Anlass mit der Vorsitzenden des Fachverband Ethik, Margret Iversen, führte.

Sie finden das Interview unter folgendem Link oder auch auf dem beigefügten Pdf-Datei zum Download.

https://m.tagesspiegel.de/berlin/berliner-ethik-expertin-ueber-enthaupteten-lehrer-von-paris-man-muss-kritisches-material-zeigen-koennen-sonst-spielen-wir-dem-terror-in-die-haende/26287844.html

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Argumentationshilfe für Ethiklehrkräfte:

Was macht das Fach Ethik aus?

Profilierung des Faches im Fächerkanon der Gesellschaftswissenschaften

Seit der Verstärkung des Faches Politik und der Einbindung von Ethik in den gesellschaftswissenschaftlichen Verbund an den Schulen stellen Ethiklehrkräfte und solche, die es werden wollen, immer wieder die Frage:

Wie grenzt sich unser Fach ab gegenüber Politik, aber auch gegenüber Geschichte und Geographie?

Im Juni 2020 trafen sich der Vorstand des Fachverband Ethik mit Experten rund um Aus- und Weiterbildung der Ethiklehrkräfte aus Uni, LISUM und Schule, um eine Argumentationshilfe für Ethiklehrkräfte zu diskutieren. Das Ergebnis ist das dreiseitige Positionspapier „Was macht das Fach Ethik aus?“. Sie können es hier downloaden:

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Margret Iversen und Mike Gerwig: Ethikunterricht ist fundamentale Demokratiebildung

Seit diesem Schuljahr wird in der Sekundarstufe I weniger Ethik unterrichtet. Wieviel weniger, bleibt jeder Schule überlassen. Das schafft Unfrieden in den Schulen. Eines von vielen Argumenten unserer Autor*innen gegen die Neuerung

von Margret Iversen und Mike Gerwig

Ein Volksentscheid hat das Fach Ethik vor zehn Jahren in Berlin eingeführt. Jetzt ist das Fach »von oben« geschwächt worden, im Namen und zugunsten von mehr politischer Bildung. Der Fachverband Ethik warnt vor einer schleichenden Destabilisierung des Faches. Wir halten die Kürzung der Ethikstunden für fatal. Was da schulpolitisch gewollt und durchgedrückt wurde, ist gesellschaftspolitisch ein Eigentor gegen das gesetzte Ziel: Stärkung des Demokratiebewusstseins unserer Schüler*innen.

Es begann im Frühsommer 2017 mit Gerüchten, dass aufgrund von Forderungen der Landesschüler*innenvertretung (LSV) die Politische Bildung (PB) gestärkt werden sollte. Auf einem ersten Treffen mit den Fachverbänden der Gesellschaftswissenschaften (GeWi)-Fächer stellte die LSV, unterstützt von der Senatsvertreterin für die GeWi-Fächer, erste Lösungsmodelle vor. Alle diese Modelle schlugen die Einführung von PB auf Kosten von Ethik vor. Offenbar setzte man dabei auf Zustimmung der anderen GeWi-Fächer, denn diese hatten bei der Einführung von Ethik Stunden abgeben müssen.

»Ethik muss liefern!« Dieser Ausspruch der Schulsenatorin machte schnell die Runde und heizte die Debatten an, nicht unwesentlich unterstützt durch eine ambitionierte Politikprofessorin der Freien Universität, die sich mit dem aberwitzigen Argument Gehör verschaffen konnte, sie habe 1.500 Politikstudent*innen, die dringend auf Anstellungsmöglichkeiten an den Schulen warten würden.

Doch die Fachverbände der Gesellschaftswissenschaften zeigten sich nach außen hin geschlossen. Im Juli 2017 verbreiteten sie, initiiert von dem wieder erstarkten Fachverband Philosophie, eine Petition über change.org, in der sie sich zwar für eine Stärkung der PB aussprachen, aber gegen eine weitere Kürzung des gesellschaftswissenschaftlichen Kontingents, das im Vergleich zu anderen Bundesländern ausgerechnet in Berlin sowieso schon mit weniger Stunden ausgestattet sei. Im Oktober 2017 trafen die »Player« in dem Konflikt in der Landeszentrale für politische Bildung noch einmal zusammen. Als gemeinsames Ergebnis wurde senatsseitig festgehalten, dass PB einvernehmlich als Nachfolge von Sozialkunde wieder benotetes Fach werde, dass aber eine Kürzung des Faches Ethik nicht zur Debatte steht.

Danach brach der Senat den Dialog mit den Fachverbänden ab. Statt eine Lösung zu verordnen, gab er das Problem einfach »nach unten« ab. Die Schulen wurden angewiesen, bis zum Schuljahr 2019/20 selbst in der sogenannten »Kontingentlösung« auszuhandeln, wer wieviel abgibt, um die Einführung von einer Stunde PB in der Stundentafel zu gewährleisten. Die Fachverbände sprachen von einer »Kannibalisierung«, denn tatsächlich kamen die Fachkolleg*innen jetzt in die unangenehme Lage, je nach Kraft und Einfluss in ihrer Schule den Verteilungskampf auszutragen. Inzwischen zeigt sich: an vielen Schulen verliert Ethik zwei Stunden. Statt bisher acht Stunden in den Jahrgängen sieben bis zehn werden nur noch sechs Stunden erteilt.

Ethikstunden wurden als Entlastungsstunden diffamiert

Seit der Einführung des Faches Ethik im Jahr 2009 erfuhr es durch den Schulsenat nur halbherzige und meist schwer errungene Unterstützung. Obwohl seit ein paar Jahren endlich die ausgebildeten Fachlehrkräfte die Lehramtsausbildung durchlaufen haben, stellen wir fest, dass viele Schulleiter*innen an den Oberschulen sie nicht einstellen. Viele Ethiklehrkräfte landen an Grundschulen. Warum? Hartnäckig hält sich der Ruf von Ethik als eines Nicht-Faches, »das jede*r unterrichten kann«, wie einst Schulsenator Böger gesagt haben soll. Gern wird das von Schulleitungen beibehalten und immer wieder hört man von Kolleg*innen, die um ein paar Ethikstunden bitten, weil sie eine »Entlastung« bräuchten.

Erst langsam stärkt sich das Fach von innen. Die 20 Fachseminare, die es inzwischen gibt, werden zwar noch überwiegend von Nur-Philosophen und damit Gymnasiallehrkräften geleitet, aber Henning Franzen, Leiter der Fachseminare, ruft inzwischen eindringlich nach ISS-Lehrkräften und Stärkung von Ethik in der Lehrer*innenausbildung. Auch die Ethik-Didaktik der Philosophieseminare an den Universitäten wird stärker und einflussreicher. Nicht zuletzt durch die nähere Anbindung der Lehramtsstudiengänge an die Schulen seit Einführung des Praxissemesters. An den Schulen selbst brauchte es lange, bis das Fach durch Fachleiter*innen vertreten wurde, und bis heute ist die fachliche Repräsentanz noch kaum in die Spitzen der schulischen Hierarchien eingedrungen.

Ethik hat in den Schulen eine schwache Lobby. In der Bevölkerung trifft das unseres Erachtens nicht zu, weshalb der Senat die Öffentlichkeit in diesem Konflikt eher scheut. So gesehen hat das Fach Ethik vermutlich an vielen Oberschulen noch eine schwächere Durchsetzungskraft im Verteilungskampf unter den Kolleg*innen und verliert anteilig die meisten Stunden.

Zunehmend zeigt sich, welch nachhaltige Demokratiebildung Ethik ist. Schulleiter*innen erfahren bei Unterrichtsbesuchen immer häufiger, was qualifizierter Ethikunterricht bewirkt. MSA-Präsentationsprüfungen in Ethik, beliebt bei Schüler*Innen, beeindrucken durch die erworbenen Kompetenzen. Ethik ist Vernunfttraining life, anders als in den anderen Fächern geht es hier nicht vornehmlich um Aufbau von Verstand durch Wissen, sondern um Training der Vernunft durch Erfahrung. Ethik ist immer auch Praxis, Wahrnehmen, Zuhören, Ernstnehmen, Nachfragen, Begründen in der heterogenen Gruppe der Schüler*innen. Doch für diese Erfahrungen braucht der Ethikunterricht Zeit. Unterrichtszeit.

Unterrichtszeit geht dem Fach also jetzt an fast allen Schulen verloren. Dennoch bieten die neuen Modelle an einigen Schulen auch eine Chance. So konnte durch die Verhandlungen an einigen Schulen das Profil des Ethikunterrichts gegenüber den GeWi-Fächern geschärft werden. An der Schule an der Jungfernheide entstand zum Beispiel ein erster und zarter Dialog, wie die angrenzenden Fächer zusammenarbeiten können: Welche Leistung erbringt eigentlich das Fach Ethik für die politische Bildung? Welchen Anteil haben die Kompetenzen des Faches Ethik, zum Beispiel für einen gesunden politischen Diskurs, der heutzutage oft das Subjekt als Gesprächspartner*in nicht akzeptiert, sondern es objektiviert, verunglimpft oder marginalisiert?

Dein Gegenüber als Menschen wahrzunehmen, seine*ihre Perspektive einzunehmen, um damit als gleichwertige Gesprächspartner*in in einen Dialog zu treten, dies geschieht im Ethikunterricht. Die Entscheidung der Senatsverwaltung, Politische Bildung auf Kosten der anderen GeWi-Fächer zu stärken, wurde als Konfliktpotential in die Berliner Oberschulen getragen. Nur einige, wenige Schulen konnten aus diesem Konflikt einen Kompromiss erarbeiten, der nicht einseitig zu Lasten von Ethik ausgeht.

An der »Schule an der Jungfernheide« konnte man mit Argumenten wie diesen davon überzeugen, dass das Fach weiterhin in jedem Jahrgang von sieben bis zehn zweistündig unterrichtet werden soll. Gleichzeitig wurde ein Unterstützungsangebot gemacht, um die fehlenden Zeiten in Geschichte und Geografie aufzufangen. So wird durch einen stärkeren Fokus auf die durchgängige Sprachbildung wert gelegt. In den GeWi-Fächern soll die Glossararbeit die sprachlichen Leistungen verbessern.

Eine von allen Beteiligten geteilte Anerkennung der Leistungsfähigkeit des Faches Ethik für die Demokratiebildung steht immer noch aus. »Ethik muss liefern« – möge die Senatorin diesen Satz in Zukunft endlich qualitativ umdeuten und die Qualifizierung des Faches aktiv unterstützen!

Powerpointvortrag durch die Fachverband-Ethik-Vorsitzende Margret Iversen zum gegenwärtigen Stand von Ethik vor der Berliner Landeselternvertretung

„Wie geht es dem Fach Ethik?“ Bericht des FV Ethik bei der LEV Berlin (Landeselternvertretung) nach Einführung von Politik:
Zu ihrem Treffen am 22.3.2019, 19 Uhr im Roten Rathaus hatte die Landeselternvertretung (LEV) „Einführung des Faches Politische Bildung“ auf der Tagesordnung. Eingeladen war der Fachreferent für die GeWi-Fächer, Martin Brendebach, und Margret Iversen, Vorsitzende des FV Ethik. Nachdem Herr Brendebach die Genese der Forderung nach dem neuen Schulfach dargestellt hatte – als Begründung für die Notwendigkeit für die Einführung von Politik wurde jetzt hauptsächlich das Scheitern der Einbindung in den Fächerverbund Geschichte/Geographie/Sozialkunde genannt – , erhielt der Fachverband Ethik das Wort.
Margret Iversen beantwortete vor der gut besuchten Berliner Elternvertretung die im Voraus an das Fach Ethik gerichteten Fragen der Eltern:
– Wie ist die Ausstattung des Faches mit Lehrkräften?
– Nach welchen Kriterien wird das Fach bewertet?
– Was macht guten Ethikunterricht aus?
In der anschließenden Befragung und Diskussion meldete sich nur ein Kritiker, der angab vor Jahren für die Abmeldung vom Ethikunterricht geworben zu haben, mit der kritischen Frage zu Wort: „Was kann mein Kind nach vier Jahren Ethikunterricht, was es ohne diesen nicht gekonnt hätte?“ Die Antworten der Eltern ließen jedoch eine überwiegende Symphatie für und ein großes kritisches Interesse an dem Fach erkennen.“

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Presseerklärung der Fachverbände zur Entscheidung der Senatorin

In einer Presseerklärung der Berliner Fachverbände für Geschichte, Geographie, Ethik und Philosophie sowie des Philologenverbandes an die Bildungssenatorin wird die Rücknahme ihrer Entscheidung zur Kontingentlösung, die Aufstockung der drei GEWi-Facher Geschichte, Geographie und Politik um eine Zeitstunde, deren Finanzierung aus den Profilstunden und die quantitative Beibehaltung der zwei Ethikstunden pro Schuljahr gefordert.

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Treffen des Bündnis Pro Ethik mit den drei schulpolitischen Sprecherinnen der Koalitionsfraktionen und unserem Bündnisschirmherrn Walter Momper am 11.12. 2017

Am Montag, den 11.12.2017 trafen sich die oben abgebildeten Mitglieder des Bündnis Pro Ethik und der Schirmherr des Bündnis, Walter Momper, zur Beratung der Lage des Ethikunterrichtes. Die drei bildungspolitischen Sprecherinnen der Regierungskoalition waren bereit, die Anregungen von Walter Momper zur Analyse/Evaluation von Ethik in geeigneter Weise aufzunehmen und gegenüber dem Senat zu veranlassen. Auch wollen sie sich dafür einsetzen, aufgezeigte Defizite im Fortbildungs- und Weiterbildungsbereich sowie beim Einsatz neu ausgebildeter Studienratslaufbahnabsolventen mit Ethik im Grundschulbereich abzuschaffen.
Es bestand die gemeinsame Auffassung, dass Ethik nicht zur Finanzierung der geplanten Politikstunde im Bereich der Sek I herangezogen werden sollte. Nur bei der Ablehnung der sogenannten Kontingentlösung gingen die Auffassungen auseinander.

Berliner Erklärung zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen

Am 3. Juli 2017 haben sich die nachstehend aufgeführten Fachverbände im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich sowie die Hochschuldidaktiker für Ethik/Philosophie sowie für politische Bildung und Fachseminarleiter für Ethik/Philosophie zu dieser Erklärung  anläßlich der bekannt gewordenen Stundenkürzungspläne im Fach Ethik veranlasst gesehen. Die Vorsitzenden des Fachverbandes Ethik Berlin e.V. und der Sprecher des Bündnis Pro Ethik waren mit dabei!

Berliner Erklärung
zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen
1. Die politische Bildung ist uns ein sehr wichtiges Anliegen, deren Stärkung wir begrüßen.
2. Die Stärkung des Faches Politische Bildung mit einer zusätzlichen Stunde und einer separaten
Benotung darf nicht mit der gleichzeitigen Kürzung von Stunden anderer Fächer
im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich einhergehen.
3. Für die konkrete Umsetzung ist die Stundentafel insgesamt kritisch in den Blick zu nehmen.
Für alle gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zusammen sind in den Klassen 7
bis 10 in Berlin jeweils 4 Stunden (Integrierte Sekundarschule) bzw. 5 Stunden (Gymnasium)
pro Schuljahr vorgesehen. In fast allen Bundesländern ist das Stundenkontingent
für das zweite Aufgabenfeld deutlich höher. Hieran sollte sich auch Berlin orientieren.
4. Der Entscheidungsprozess muss transparent und demokratisch ablaufen. Wir erwarten
eine angemessene Beteiligung an der Entscheidungsfindung. Dies schließt ein, rechtzeitig
über mögliche Modelle der Umsetzung informiert zu werden. Es muss ausreichend
Raum und Zeit geben, Vorschläge einzubringen und ergebnisoffen zu diskutieren.
Berlin, den 3. Juli 2017

gezeichnet

Prof. Dr. Sabine Achour
Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für politische Bildung e.V. Landesverband Berlin, Didaktik der politischen Bildung/ Politikwissenschaft
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin

Dankfried Gabriel
Vorsitzender des Fachverbandes Ethik Berlin e.V.

Melanie Heise
Vorsitzende des Fachverbandes Philosophie Berlin e.V.

Klemens Rinklake
1. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen e.V. Landesverband Berlin

Dr. Peter Stolz
Vorsitzender des Verbandes deutscher Geschichtslehrer e.V. Landesverband Berlin

Prof. Dr. Julia Dietrich
Didaktik der Philosophie und Ethik (Vertretung)
Institut für Philosophie, Freie Universität Berlin

Oberkonsistorialrat Dr. Friedhelm Kraft

Prof. Dr. Kirsten Meyer
Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie
Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Dr. Gerhard Weil
Sprecher des Bündnis Pro Ethik

Unterstützen Sie bitte die gleichlautende Petition unter

 https://www.change.org/p/berliner-erklärung-zur-stärkung-der-politischen-bildung-an-berliner-schulen

Positionspapier

des FV Ethik, Landesverband Berlin

im Rahmen der Erwägungen zur Einführung eines Faches Politik
an den Berliner Schulen

Über den Tagesspiegel erfuhr unser Fachverband am 30.05.2017, dass im Zusammenhang mit einem geplanten neuen Fach Politik das derzeitige Stundenvolumen der anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zur Disposition gestellt werden soll.

Der Fachverband Ethik Berlin begrüßt die nachhaltige Vermittlung politischer Kenntnisse in der Sekundarstufe I nachdrücklich. Dieses wichtige Anliegen muss zunächst aber auf dem Wege der konsequenten Umsetzung des neuen Berliner Rahmenlehrplans verfolgt werden, der ab dem Schuljahr 2017/2018 in Kraft tritt. Oberstes Ziel des aktuellen Reformvorhabens ist es, den fächerübergreifenden Unterricht zu stärken.

Der neue Rahmenlehrplan schreibt dazu dreizehn „Übergeordnete Themen“ vor, die in allen Einzelfächern Berücksichtigung finden müssen. Davon gehören allein sechs Themen zum Bereich der Politik. Das sind u.a. „Demokratiebildung“, „Europabildung“ und „Lernen in globalen Zusammenhängen“. An der Umsetzung dieser verbindlichen Vorgaben wird zurzeit an allen Berliner Schulen eifrig gearbeitet.

Den laufenden Prozess der Implementierung des neuen Rahmenlehrplans bereits vor dessen Inkrafttreten durch eine Veränderung der bestehenden Fachstundenverteilung zu beunruhigen, wäre aus unserer Sicht ein fragwürdiger Aktionismus. Mit den gesellschaftswissenschaftlichen Bildungsfächern darf in Berlin nicht immer wieder wie mit einem Nullsummenspiel verfahren werden – hier wird etwas hinzugegeben, dort wird etwas weggenommen.

Auch die Fächer Geschichte und Geografie sind wichtige und unerlässliche Partner im Verbund der Gesellschaftswissenschaften! Sollte es tatsächlich zu der Entscheidung kommen, Politik als neues Unterrichtsfach einzuführen, so wäre die Stundentafel für den Bereich Gesellschaftswissenschaften zu erweitern. Dessen gesamtes Stundenvolumen liegt in Berlin nämlich mit 5 Wochenstunden, einschließlich Sozialkunde/Pol. Bildung, im Vergleich zu den anderen Bundesländern an der untersten Grenze.

Nun zum Fach Ethik selbst. Die Einführung des Faches war nicht nur von vielen Expert*innen gefordert, unterstützt und getragen, sondern auch von einem breiten Bündnis gesellschaftlicher Kräfte und Organisationen. Der Ethikunterricht holt wie kein anderes Fach die Schüler*innen in ihrer Lebenswelt ab. Er leistet Demokratiebildung, indem er kulturelle Unterschiede, soziale Lern- und Lebensbedingungen, Mediennutzung, Konfliktursachen und Träume von einer besseren Welt am konkreten Erleben der Jugendlichen untersucht und kritisch reflektiert.

Wegen der Bedeutung der sozialen Prozesse in den Lerngruppen und zum Aufbau einer konstruktiven und Vertrauen fördernden Arbeitsatmosphäre war es von Anfang an klar, dass selbst der zugewiesene zeitliche Rahmen von 90 Minuten pro Woche schon sehr eng bemessen ist. Eine Fülle von Themen ist zu bewältigen und von allen Seiten werden diesbezüglich große Erwartungen an den Ethikunterricht gestellt.

Momentan erreichen ausgebildete Ethiklehrkräfte von den Universitäten vermehrt die Schulen. Das Fach zehn Jahre nach seiner Einführung bereits wieder zu schwächen, würde den in Gang befindlichen Konsolidierungsprozess erheblich gefährden.

Die Bundes-Elternschaft hatte sich im Jahr nach der Einführung von Ethik in Berlin für ein solches verbindliches Wertefach in ganz Deutschland ausgesprochen: „Wir wünschen uns einen gemeinsamen, alle Religionen und Kulturen thematisierenden Unterricht für alle Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft. (…) Es ist heute wichtiger denn je, Werteverluste aufzufangen und Wertebildung neu zu fördern.“ (Resolution des Bundeselternrates vom 11.11.2007 in Bad Hersfeld). Hinter diese unsere Errungenschaft sollten wir in Berlin nicht zurück gehen.

    Dankfried Gabriel

Vorsitzender des Fachverbands Ethik Berlin

im Namen des Vorstands

STELLUNGNAHME DES FACHVERBANDS ETHIK ZU DEN STUNDENKÜRZUNGEN AB SCHULJAHR 2010/20

Als Ethiker*innen und Philosoph*innen unterstützen wir die Stärkung der Demokratiebildung an Berliner Schulen, wie in der gemeinsamen „Berliner Erklärung zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen“ der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer vom 3. Juli 2017 ausgedrückt. Darin wird allerdings von diesen Fächern gemeinsam die Forderung erhoben, den gesellschaftlichen Bereich  insgesamt zu stärken und keines dieser Fächer zu kürzen.

Der Senat hat diese Forderung ignoriert und stattdessen auf dem Wege der sog. „Kontingentlösung“ an den Schulen die Vertreter*innen des Aufgabenfeldes II untereinander den Verteilungskampf austragen lassen – mit häufig negativen Folgen für den Schulfrieden und überprozentualer Kürzung von Ethik.

Im Ergebnis verliert Ethik unserem Eindruck nach (basierend auf einer Umfrage unter ca. 40 Schulen, die wir durchgeführt haben, da der Senat keine Daten dazu erhebt, vgl. Kleine Anfrage vom 7.10.2019, Drucksache 18 / 21 204) an den meisten Gymnasien 2 von 8 Wochenstunden, an den ISS 1 bis meist 2 von 8 Wochenstunden – und damit überwiegend  25 % der bisherigen Unterrichtszeit.

Wir halten die Kürzung von Ethik für einen bildungspolitischen Rückschritt.

Wir rufen die Parteien auf, sich gegen die Kürzung des Faches einzusetzen.

Die Gründe:

–          Ethik wurde als Schulfach – im Unterschied zu allen anderen klassischen Unterrichtsfächern – in Berlin durch die Berliner Bevölkerung selbst durchgesetzt (Volksentscheid). Seine Schwächung oder Kürzung muss Gegenstand der öffentlichen Diskussion sein.

–          Berlin ist Vorreiter in Sachen Ethik als Schulfach: Nur hier ist die Schulbehörde dem Mehrheitswillen nachgekommen und hat Ethik als ordentliches Schulfach eingerichtet. In anderen Bundesländern wählt längst die überwiegende Mehrheit der Schüler*innen Ethik statt Religion – dennoch bleibt es offiziell „Ersatzfach“ und ist institutionell schwach aufgestellt.

–          Die Ausbildung der Ethiklehrkräfte in Berlin hat sich rasant verbessert, auch hier entwickelt Berlin sich zum Vorreiter: durch die Einrichtung von über 20 Fachseminaren und die Stärkung der Fachdidaktik an den Universitäten ist das Fach gerade dabei, sich zu etablieren und seine Wirkung zu entfalten (z.B. das interdisziplinäre Projekt Ethik/Biologie/Chemie zum „Genom Editing“ zur Erstellung einer Lernplattform für Schulen an der FU Berlin).

–          Ethik/Philosophie ist ein nachgefragtes Studienfach: Regelmäßig übersteigt die Anzahl der Studienbewerber*innen für dieses Fach die der Studienplätze.

–          Die Anforderungen an Ethik wachsen: Fragen nach dem sozialen Zusammenhalt, nach globaler Gerechtigkeit und nach der Zukunft unseres Planeten bewegen vor allem junge Menschen („Fridays for Future“), Fragen zum Wesen des Menschen durch das Vordringen künstlicher Intelligenz bewegen eine breite Öffentlichkeit. Dem entsprechend ist Ethik bei den Schüler*innen ein gefragtes Fach – gemessen an der hohen Anzahl der MSA-Präsentations-prüfungen in Ethik.

–          „Ethisches Lernen“ ereignet sich in der heterogenen Kleinstgesellschaft der Schulklasse, denn

Kern des Faches Ethik ist es, ethische Probleme wahrzunehmen, sich in andere hineinzuversetzen, mit ihnen in den Dialog zu treten und die eigene Meinung begründet zu vertreten

(Vgl. Rahmenlehrplan 2016, Teil C Ethik, S.11-16) .

Alles in allem:

Ethik ist das Zukunftsfach in einer heterogenen, auf Individualismus basierenden demokratischen Gesellschaft wie der unsrigen. Seine Didaktik ist per se nicht primär wissens-, sondern kompetenzorientiert:

Ethik bildet Demokrat*innen.

Aber: dafür braucht Ethik (Unterrichts-)Zeit.