Treffen des Bündnis Pro Ethik mit den drei schulpolitischen Sprecherinnen der Koalitionsfraktionen und unserem Bündnisschirmherrn Walter Momper am 11.12. 2017

Am Montag, den 11.12.2017 trafen sich die oben abgebildeten Mitglieder des Bündnis Pro Ethik und der Schirmherr des Bündnis, Walter Momper, zur Beratung der Lage des Ethikunterrichtes. Die drei bildungspolitischen Sprecherinnen der Regierungskoalition waren bereit, die Anregungen von Walter Momper zur Analyse/Evaluation von Ethik in geeigneter Weise aufzunehmen und gegenüber dem Senat zu veranlassen. Auch wollen sie sich dafür einsetzen, aufgezeigte Defizite im Fortbildungs- und Weiterbildungsbereich sowie beim Einsatz neu ausgebildeter Studienratslaufbahnabsolventen mit Ethik im Grundschulbereich abzuschaffen.
Es bestand die gemeinsame Auffassung, dass Ethik nicht zur Finanzierung der geplanten Politikstunde im Bereich der Sek I herangezogen werden sollte. Nur bei der Ablehnung der sogenannten Kontingentlösung gingen die Auffassungen auseinander.

Berliner Erklärung zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen

Am 3. Juli 2017 haben sich die nachstehend aufgeführten Fachverbände im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich sowie die Hochschuldidaktiker für Ethik/Philosophie sowie für politische Bildung und Fachseminarleiter für Ethik/Philosophie zu dieser Erklärung  anläßlich der bekannt gewordenen Stundenkürzungspläne im Fach Ethik veranlasst gesehen. Die Vorsitzenden des Fachverbandes Ethik Berlin e.V. und der Sprecher des Bündnis Pro Ethik waren mit dabei!

Berliner Erklärung
zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen
1. Die politische Bildung ist uns ein sehr wichtiges Anliegen, deren Stärkung wir begrüßen.
2. Die Stärkung des Faches Politische Bildung mit einer zusätzlichen Stunde und einer separaten
Benotung darf nicht mit der gleichzeitigen Kürzung von Stunden anderer Fächer
im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich einhergehen.
3. Für die konkrete Umsetzung ist die Stundentafel insgesamt kritisch in den Blick zu nehmen.
Für alle gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zusammen sind in den Klassen 7
bis 10 in Berlin jeweils 4 Stunden (Integrierte Sekundarschule) bzw. 5 Stunden (Gymnasium)
pro Schuljahr vorgesehen. In fast allen Bundesländern ist das Stundenkontingent
für das zweite Aufgabenfeld deutlich höher. Hieran sollte sich auch Berlin orientieren.
4. Der Entscheidungsprozess muss transparent und demokratisch ablaufen. Wir erwarten
eine angemessene Beteiligung an der Entscheidungsfindung. Dies schließt ein, rechtzeitig
über mögliche Modelle der Umsetzung informiert zu werden. Es muss ausreichend
Raum und Zeit geben, Vorschläge einzubringen und ergebnisoffen zu diskutieren.
Berlin, den 3. Juli 2017

gezeichnet

Prof. Dr. Sabine Achour
Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für politische Bildung e.V. Landesverband Berlin, Didaktik der politischen Bildung/ Politikwissenschaft
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin

Dankfried Gabriel
Vorsitzender des Fachverbandes Ethik Berlin e.V.

Melanie Heise
Vorsitzende des Fachverbandes Philosophie Berlin e.V.

Klemens Rinklake
1. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen e.V. Landesverband Berlin

Dr. Peter Stolz
Vorsitzender des Verbandes deutscher Geschichtslehrer e.V. Landesverband Berlin

Prof. Dr. Julia Dietrich
Didaktik der Philosophie und Ethik (Vertretung)
Institut für Philosophie, Freie Universität Berlin

Oberkonsistorialrat Dr. Friedhelm Kraft

Prof. Dr. Kirsten Meyer
Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie
Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Dr. Gerhard Weil
Sprecher des Bündnis Pro Ethik

Unterstützen Sie bitte die gleichlautende Petition unter

 https://www.change.org/p/berliner-erklärung-zur-stärkung-der-politischen-bildung-an-berliner-schulen

Positionspapier

des FV Ethik, Landesverband Berlin

im Rahmen der Erwägungen zur Einführung eines Faches Politik
an den Berliner Schulen

Über den Tagesspiegel erfuhr unser Fachverband am 30.05.2017, dass im Zusammenhang mit einem geplanten neuen Fach Politik das derzeitige Stundenvolumen der anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zur Disposition gestellt werden soll.

Der Fachverband Ethik Berlin begrüßt die nachhaltige Vermittlung politischer Kenntnisse in der Sekundarstufe I nachdrücklich. Dieses wichtige Anliegen muss zunächst aber auf dem Wege der konsequenten Umsetzung des neuen Berliner Rahmenlehrplans verfolgt werden, der ab dem Schuljahr 2017/2018 in Kraft tritt. Oberstes Ziel des aktuellen Reformvorhabens ist es, den fächerübergreifenden Unterricht zu stärken.

Der neue Rahmenlehrplan schreibt dazu dreizehn „Übergeordnete Themen“ vor, die in allen Einzelfächern Berücksichtigung finden müssen. Davon gehören allein sechs Themen zum Bereich der Politik. Das sind u.a. „Demokratiebildung“, „Europabildung“ und „Lernen in globalen Zusammenhängen“. An der Umsetzung dieser verbindlichen Vorgaben wird zurzeit an allen Berliner Schulen eifrig gearbeitet.

Den laufenden Prozess der Implementierung des neuen Rahmenlehrplans bereits vor dessen Inkrafttreten durch eine Veränderung der bestehenden Fachstundenverteilung zu beunruhigen, wäre aus unserer Sicht ein fragwürdiger Aktionismus. Mit den gesellschaftswissenschaftlichen Bildungsfächern darf in Berlin nicht immer wieder wie mit einem Nullsummenspiel verfahren werden – hier wird etwas hinzugegeben, dort wird etwas weggenommen.

Auch die Fächer Geschichte und Geografie sind wichtige und unerlässliche Partner im Verbund der Gesellschaftswissenschaften! Sollte es tatsächlich zu der Entscheidung kommen, Politik als neues Unterrichtsfach einzuführen, so wäre die Stundentafel für den Bereich Gesellschaftswissenschaften zu erweitern. Dessen gesamtes Stundenvolumen liegt in Berlin nämlich mit 5 Wochenstunden, einschließlich Sozialkunde/Pol. Bildung, im Vergleich zu den anderen Bundesländern an der untersten Grenze.

Nun zum Fach Ethik selbst. Die Einführung des Faches war nicht nur von vielen Expert*innen gefordert, unterstützt und getragen, sondern auch von einem breiten Bündnis gesellschaftlicher Kräfte und Organisationen. Der Ethikunterricht holt wie kein anderes Fach die Schüler*innen in ihrer Lebenswelt ab. Er leistet Demokratiebildung, indem er kulturelle Unterschiede, soziale Lern- und Lebensbedingungen, Mediennutzung, Konfliktursachen und Träume von einer besseren Welt am konkreten Erleben der Jugendlichen untersucht und kritisch reflektiert.

Wegen der Bedeutung der sozialen Prozesse in den Lerngruppen und zum Aufbau einer konstruktiven und Vertrauen fördernden Arbeitsatmosphäre war es von Anfang an klar, dass selbst der zugewiesene zeitliche Rahmen von 90 Minuten pro Woche schon sehr eng bemessen ist. Eine Fülle von Themen ist zu bewältigen und von allen Seiten werden diesbezüglich große Erwartungen an den Ethikunterricht gestellt.

Momentan erreichen ausgebildete Ethiklehrkräfte von den Universitäten vermehrt die Schulen. Das Fach zehn Jahre nach seiner Einführung bereits wieder zu schwächen, würde den in Gang befindlichen Konsolidierungsprozess erheblich gefährden.

Die Bundes-Elternschaft hatte sich im Jahr nach der Einführung von Ethik in Berlin für ein solches verbindliches Wertefach in ganz Deutschland ausgesprochen: „Wir wünschen uns einen gemeinsamen, alle Religionen und Kulturen thematisierenden Unterricht für alle Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft. (…) Es ist heute wichtiger denn je, Werteverluste aufzufangen und Wertebildung neu zu fördern.“ (Resolution des Bundeselternrates vom 11.11.2007 in Bad Hersfeld). Hinter diese unsere Errungenschaft sollten wir in Berlin nicht zurück gehen.

    Dankfried Gabriel

Vorsitzender des Fachverbands Ethik Berlin

im Namen des Vorstands

STELLUNGNAHME DES FACHVERBANDS ETHIK ZU DEN STUNDENKÜRZUNGEN AB SCHULJAHR 2010/20

Als Ethiker*innen und Philosoph*innen unterstützen wir die Stärkung der Demokratiebildung an Berliner Schulen, wie in der gemeinsamen „Berliner Erklärung zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen“ der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer vom 3. Juli 2017 ausgedrückt. Darin wird allerdings von diesen Fächern gemeinsam die Forderung erhoben, den gesellschaftlichen Bereich  insgesamt zu stärken und keines dieser Fächer zu kürzen.

Der Senat hat diese Forderung ignoriert und stattdessen auf dem Wege der sog. „Kontingentlösung“ an den Schulen die Vertreter*innen des Aufgabenfeldes II untereinander den Verteilungskampf austragen lassen – mit häufig negativen Folgen für den Schulfrieden und überprozentualer Kürzung von Ethik.

Im Ergebnis verliert Ethik unserem Eindruck nach (basierend auf einer Umfrage unter ca. 40 Schulen, die wir durchgeführt haben, da der Senat keine Daten dazu erhebt, vgl. Kleine Anfrage vom 7.10.2019, Drucksache 18 / 21 204) an den meisten Gymnasien 2 von 8 Wochenstunden, an den ISS 1 bis meist 2 von 8 Wochenstunden – und damit überwiegend  25 % der bisherigen Unterrichtszeit.

Wir halten die Kürzung von Ethik für einen bildungspolitischen Rückschritt.

Wir rufen die Parteien auf, sich gegen die Kürzung des Faches einzusetzen.

Die Gründe:

–          Ethik wurde als Schulfach – im Unterschied zu allen anderen klassischen Unterrichtsfächern – in Berlin durch die Berliner Bevölkerung selbst durchgesetzt (Volksentscheid). Seine Schwächung oder Kürzung muss Gegenstand der öffentlichen Diskussion sein.

–          Berlin ist Vorreiter in Sachen Ethik als Schulfach: Nur hier ist die Schulbehörde dem Mehrheitswillen nachgekommen und hat Ethik als ordentliches Schulfach eingerichtet. In anderen Bundesländern wählt längst die überwiegende Mehrheit der Schüler*innen Ethik statt Religion – dennoch bleibt es offiziell „Ersatzfach“ und ist institutionell schwach aufgestellt.

–          Die Ausbildung der Ethiklehrkräfte in Berlin hat sich rasant verbessert, auch hier entwickelt Berlin sich zum Vorreiter: durch die Einrichtung von über 20 Fachseminaren und die Stärkung der Fachdidaktik an den Universitäten ist das Fach gerade dabei, sich zu etablieren und seine Wirkung zu entfalten (z.B. das interdisziplinäre Projekt Ethik/Biologie/Chemie zum „Genom Editing“ zur Erstellung einer Lernplattform für Schulen an der FU Berlin).

–          Ethik/Philosophie ist ein nachgefragtes Studienfach: Regelmäßig übersteigt die Anzahl der Studienbewerber*innen für dieses Fach die der Studienplätze.

–          Die Anforderungen an Ethik wachsen: Fragen nach dem sozialen Zusammenhalt, nach globaler Gerechtigkeit und nach der Zukunft unseres Planeten bewegen vor allem junge Menschen („Fridays for Future“), Fragen zum Wesen des Menschen durch das Vordringen künstlicher Intelligenz bewegen eine breite Öffentlichkeit. Dem entsprechend ist Ethik bei den Schüler*innen ein gefragtes Fach – gemessen an der hohen Anzahl der MSA-Präsentations-prüfungen in Ethik.

–          „Ethisches Lernen“ ereignet sich in der heterogenen Kleinstgesellschaft der Schulklasse, denn

Kern des Faches Ethik ist es, ethische Probleme wahrzunehmen, sich in andere hineinzuversetzen, mit ihnen in den Dialog zu treten und die eigene Meinung begründet zu vertreten

(Vgl. Rahmenlehrplan 2016, Teil C Ethik, S.11-16) .

Alles in allem:

Ethik ist das Zukunftsfach in einer heterogenen, auf Individualismus basierenden demokratischen Gesellschaft wie der unsrigen. Seine Didaktik ist per se nicht primär wissens-, sondern kompetenzorientiert:

Ethik bildet Demokrat*innen.

Aber: dafür braucht Ethik (Unterrichts-)Zeit.