Berliner Erklärung
zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen
1. Die politische Bildung ist uns ein sehr wichtiges Anliegen, deren Stärkung wir begrüßen.
2. Die Stärkung des Faches Politische Bildung mit einer zusätzlichen Stunde und einer separaten
Benotung darf nicht mit der gleichzeitigen Kürzung von Stunden anderer Fächer
im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich einhergehen.
3. Für die konkrete Umsetzung ist die Stundentafel insgesamt kritisch in den Blick zu nehmen.
Für alle gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zusammen sind in den Klassen 7
bis 10 in Berlin jeweils 4 Stunden (Integrierte Sekundarschule) bzw. 5 Stunden (Gymnasium)
pro Schuljahr vorgesehen. In fast allen Bundesländern ist das Stundenkontingent
für das zweite Aufgabenfeld deutlich höher. Hieran sollte sich auch Berlin orientieren.
4. Der Entscheidungsprozess muss transparent und demokratisch ablaufen. Wir erwarten
eine angemessene Beteiligung an der Entscheidungsfindung. Dies schließt ein, rechtzeitig
über mögliche Modelle der Umsetzung informiert zu werden. Es muss ausreichend
Raum und Zeit geben, Vorschläge einzubringen und ergebnisoffen zu diskutieren.
Berlin, den 3. Juli 2017
gezeichnet
Prof. Dr. Sabine Achour
Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für politische Bildung e.V. Landesverband Berlin, Didaktik der politischen Bildung/ Politikwissenschaft
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin
Dankfried Gabriel
Vorsitzender des Fachverbandes Ethik Berlin e.V.
Melanie Heise
Vorsitzende des Fachverbandes Philosophie Berlin e.V.
Klemens Rinklake
1. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen e.V. Landesverband Berlin
Dr. Peter Stolz
Vorsitzender des Verbandes deutscher Geschichtslehrer e.V. Landesverband Berlin
Prof. Dr. Julia Dietrich
Didaktik der Philosophie und Ethik (Vertretung)
Institut für Philosophie, Freie Universität Berlin
Oberkonsistorialrat Dr. Friedhelm Kraft
Prof. Dr. Kirsten Meyer
Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie
Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin
Dr. Gerhard Weil
Sprecher des Bündnis Pro Ethik
Unterstützen Sie bitte die gleichlautende Petition unter
https://www.change.org/p/berliner-erklärung-zur-stärkung-der-politischen-bildung-an-berliner-schulen
Positionspapier
des FV Ethik, Landesverband Berlin
im Rahmen der Erwägungen zur Einführung eines Faches Politik
an den Berliner Schulen
Über den Tagesspiegel erfuhr unser Fachverband am 30.05.2017, dass im Zusammenhang mit einem geplanten neuen Fach Politik das derzeitige Stundenvolumen der anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zur Disposition gestellt werden soll.
Der Fachverband Ethik Berlin begrüßt die nachhaltige Vermittlung politischer Kenntnisse in der Sekundarstufe I nachdrücklich. Dieses wichtige Anliegen muss zunächst aber auf dem Wege der konsequenten Umsetzung des neuen Berliner Rahmenlehrplans verfolgt werden, der ab dem Schuljahr 2017/2018 in Kraft tritt. Oberstes Ziel des aktuellen Reformvorhabens ist es, den fächerübergreifenden Unterricht zu stärken.
Der neue Rahmenlehrplan schreibt dazu dreizehn „Übergeordnete Themen“ vor, die in allen Einzelfächern Berücksichtigung finden müssen. Davon gehören allein sechs Themen zum Bereich der Politik. Das sind u.a. „Demokratiebildung“, „Europabildung“ und „Lernen in globalen Zusammenhängen“. An der Umsetzung dieser verbindlichen Vorgaben wird zurzeit an allen Berliner Schulen eifrig gearbeitet.
Den laufenden Prozess der Implementierung des neuen Rahmenlehrplans bereits vor dessen Inkrafttreten durch eine Veränderung der bestehenden Fachstundenverteilung zu beunruhigen, wäre aus unserer Sicht ein fragwürdiger Aktionismus. Mit den gesellschaftswissenschaftlichen Bildungsfächern darf in Berlin nicht immer wieder wie mit einem Nullsummenspiel verfahren werden – hier wird etwas hinzugegeben, dort wird etwas weggenommen.
Auch die Fächer Geschichte und Geografie sind wichtige und unerlässliche Partner im Verbund der Gesellschaftswissenschaften! Sollte es tatsächlich zu der Entscheidung kommen, Politik als neues Unterrichtsfach einzuführen, so wäre die Stundentafel für den Bereich Gesellschaftswissenschaften zu erweitern. Dessen gesamtes Stundenvolumen liegt in Berlin nämlich mit 5 Wochenstunden, einschließlich Sozialkunde/Pol. Bildung, im Vergleich zu den anderen Bundesländern an der untersten Grenze.
Nun zum Fach Ethik selbst. Die Einführung des Faches war nicht nur von vielen Expert*innen gefordert, unterstützt und getragen, sondern auch von einem breiten Bündnis gesellschaftlicher Kräfte und Organisationen. Der Ethikunterricht holt wie kein anderes Fach die Schüler*innen in ihrer Lebenswelt ab. Er leistet Demokratiebildung, indem er kulturelle Unterschiede, soziale Lern- und Lebensbedingungen, Mediennutzung, Konfliktursachen und Träume von einer besseren Welt am konkreten Erleben der Jugendlichen untersucht und kritisch reflektiert.
Wegen der Bedeutung der sozialen Prozesse in den Lerngruppen und zum Aufbau einer konstruktiven und Vertrauen fördernden Arbeitsatmosphäre war es von Anfang an klar, dass selbst der zugewiesene zeitliche Rahmen von 90 Minuten pro Woche schon sehr eng bemessen ist. Eine Fülle von Themen ist zu bewältigen und von allen Seiten werden diesbezüglich große Erwartungen an den Ethikunterricht gestellt.
Momentan erreichen ausgebildete Ethiklehrkräfte von den Universitäten vermehrt die Schulen. Das Fach zehn Jahre nach seiner Einführung bereits wieder zu schwächen, würde den in Gang befindlichen Konsolidierungsprozess erheblich gefährden.
Die Bundes-Elternschaft hatte sich im Jahr nach der Einführung von Ethik in Berlin für ein solches verbindliches Wertefach in ganz Deutschland ausgesprochen: „Wir wünschen uns einen gemeinsamen, alle Religionen und Kulturen thematisierenden Unterricht für alle Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft. (…) Es ist heute wichtiger denn je, Werteverluste aufzufangen und Wertebildung neu zu fördern.“ (Resolution des Bundeselternrates vom 11.11.2007 in Bad Hersfeld). Hinter diese unsere Errungenschaft sollten wir in Berlin nicht zurück gehen.
Dankfried Gabriel
Vorsitzender des Fachverbands Ethik Berlin
im Namen des Vorstands