STELLUNGNAHME DES FACHVERBANDS ETHIK ZU DEN STUNDENKÜRZUNGEN AB SCHULJAHR 2010/20

Als Ethiker*innen und Philosoph*innen unterstützen wir die Stärkung der Demokratiebildung an Berliner Schulen, wie in der gemeinsamen „Berliner Erklärung zur Stärkung der politischen Bildung an Berliner Schulen“ der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer vom 3. Juli 2017 ausgedrückt. Darin wird allerdings von diesen Fächern gemeinsam die Forderung erhoben, den gesellschaftlichen Bereich  insgesamt zu stärken und keines dieser Fächer zu kürzen.

Der Senat hat diese Forderung ignoriert und stattdessen auf dem Wege der sog. „Kontingentlösung“ an den Schulen die Vertreter*innen des Aufgabenfeldes II untereinander den Verteilungskampf austragen lassen – mit häufig negativen Folgen für den Schulfrieden und überprozentualer Kürzung von Ethik.

Im Ergebnis verliert Ethik unserem Eindruck nach (basierend auf einer Umfrage unter ca. 40 Schulen, die wir durchgeführt haben, da der Senat keine Daten dazu erhebt, vgl. Kleine Anfrage vom 7.10.2019, Drucksache 18 / 21 204) an den meisten Gymnasien 2 von 8 Wochenstunden, an den ISS 1 bis meist 2 von 8 Wochenstunden – und damit überwiegend  25 % der bisherigen Unterrichtszeit.

Wir halten die Kürzung von Ethik für einen bildungspolitischen Rückschritt.

Wir rufen die Parteien auf, sich gegen die Kürzung des Faches einzusetzen.

Die Gründe:

–          Ethik wurde als Schulfach – im Unterschied zu allen anderen klassischen Unterrichtsfächern – in Berlin durch die Berliner Bevölkerung selbst durchgesetzt (Volksentscheid). Seine Schwächung oder Kürzung muss Gegenstand der öffentlichen Diskussion sein.

–          Berlin ist Vorreiter in Sachen Ethik als Schulfach: Nur hier ist die Schulbehörde dem Mehrheitswillen nachgekommen und hat Ethik als ordentliches Schulfach eingerichtet. In anderen Bundesländern wählt längst die überwiegende Mehrheit der Schüler*innen Ethik statt Religion – dennoch bleibt es offiziell „Ersatzfach“ und ist institutionell schwach aufgestellt.

–          Die Ausbildung der Ethiklehrkräfte in Berlin hat sich rasant verbessert, auch hier entwickelt Berlin sich zum Vorreiter: durch die Einrichtung von über 20 Fachseminaren und die Stärkung der Fachdidaktik an den Universitäten ist das Fach gerade dabei, sich zu etablieren und seine Wirkung zu entfalten (z.B. das interdisziplinäre Projekt Ethik/Biologie/Chemie zum „Genom Editing“ zur Erstellung einer Lernplattform für Schulen an der FU Berlin).

–          Ethik/Philosophie ist ein nachgefragtes Studienfach: Regelmäßig übersteigt die Anzahl der Studienbewerber*innen für dieses Fach die der Studienplätze.

–          Die Anforderungen an Ethik wachsen: Fragen nach dem sozialen Zusammenhalt, nach globaler Gerechtigkeit und nach der Zukunft unseres Planeten bewegen vor allem junge Menschen („Fridays for Future“), Fragen zum Wesen des Menschen durch das Vordringen künstlicher Intelligenz bewegen eine breite Öffentlichkeit. Dem entsprechend ist Ethik bei den Schüler*innen ein gefragtes Fach – gemessen an der hohen Anzahl der MSA-Präsentations-prüfungen in Ethik.

–          „Ethisches Lernen“ ereignet sich in der heterogenen Kleinstgesellschaft der Schulklasse, denn

Kern des Faches Ethik ist es, ethische Probleme wahrzunehmen, sich in andere hineinzuversetzen, mit ihnen in den Dialog zu treten und die eigene Meinung begründet zu vertreten

(Vgl. Rahmenlehrplan 2016, Teil C Ethik, S.11-16) .

Alles in allem:

Ethik ist das Zukunftsfach in einer heterogenen, auf Individualismus basierenden demokratischen Gesellschaft wie der unsrigen. Seine Didaktik ist per se nicht primär wissens-, sondern kompetenzorientiert:

Ethik bildet Demokrat*innen.

Aber: dafür braucht Ethik (Unterrichts-)Zeit.