Pressemitteilung der Fachverbände Ethik und Philosophie

„Ethik ist nur gut, wenn man einen guten Lehrer hat!“*

Ein Fach ohne passende Lehrer – Kann das funktionieren?

Oder: Warum in Berlin der Ethikunterricht zu scheitern droht

In der jüngsten medialen Diskussion wird am Berliner Ethikunterricht kaum ein gutes Haar gelassen. In Radio und Presse wird die Behauptung eines Schulleiters zitiert, dass Ethik „extrem unbeliebt“ sei. Ob und inwieweit diese Schulleiter –Auffassung repräsentativ ist, wird nicht hinterfragt, und ebenso wenig werden die Ursachen genügend ins Blickfeld gebracht.

Der behaupteten pauschalen Ablehnung des Fachs „Ethik“ müssen wir widersprechen. Laut einer im Frühjahr 2011 anlässlich der Überarbeitung des Berliner Lehrplans erhobenen repräsentativen Studie sind 72 % der Schülerinnen und Schüler davon überzeugt: „Im Ethikunterricht wurde ich auf interessante Themen und Fragestellungen aufmerksam gemacht.“ Allerdings wird auch moniert: „Wir haben Themen nur oberflächlich behandelt. Uns wurden Filme gezeigt und danach nicht darüber gesprochen. Unser Lehrer ist total unqualifiziert und der Unterricht ist eher belastend als lehrreich.“

Diese gegensätzlichen Äußerungen weisen auf einen einfachen Zusammenhang hin: Wer sich als Lehrer nicht für ein Fach begeistert, wer es nicht gelernt hat, auch Schüler dafür zu motivieren, kann natürlich nicht mit seinem Unterricht zufrieden sein. Daher ist es völlig unverständlich, dass Schulleitungen nicht massiv nach qualifizierten Ethiklehrern rufen, sondern den Ethikunterricht zur Klassenleiterstunde oder noch schlimmer zum „Laberfach“ verkommen lassen. Noch unverständlicher ist angesichts dieser Lage, dass der Schulsenat die Schulleitungen nicht stärker zum Einsatz qualifizierter Lehrkräfte verpflichtet und sich darüber Rechenschaft geben lässt. Ebenso befremdlich ist, dass in den letzten fünf Jahren an den Berliner Universitäten durchschnittlich nur 7 Studierende pro Jahr einen Masterabschluss in Ethik abgelegt haben. Die Kapazitäten an den Universitäten sind nicht ausreichend, um genügend Studienplätze anzubieten. Außerdem haben Ethik-Absolventen kaum Chancen, in den Schuldienst übernommen zu werden, und wenn, dann allenfalls wegen ihres Zweitfachs. Und das, obwohl der Bedarf enorm ist. Man stelle sich vor, ein ähnliches Szenario beträfe den Mathe- oder Englischunterricht: Alle Welt würde auf die Barrikaden gehen.

Dabei zeigt der bisher geleistete Ethikunterricht schon Erfolge: In der zitierten Umfrage gaben 80% der Jugendlichen an, dass sie etwa ihre Kenntnisse über die abrahamitischen Religionen erweitern konnten. Die Aussagen „Ich habe gelernt, dass Andersdenkende Gründe und Hintergründe haben, die ihr Anderssein verständlich werden lassen“ sowie „Ich habe gelernt, abweichenden Meinungen toleranter zu begegnen“ wurden von 68 bzw. 66 Prozent unterstützt. Und 70% waren der Meinung, dass der Ethikunterricht bewirkt habe, über ihre eigenen Überzeugungen und Werte kritisch nachzudenken.

Das, finden wir, ist eigentlich kein so schlechtes Resultat, vor allem, wenn man bedenkt, mit welch katastrophalen Anfangsproblemen das Fach Ethik im Berliner Schulbetrieb zu kämpfen hatte. Daher wundern wir uns, wie die bisherige mediale Darstellung sich einzig und allein auf die Meinung einzelner Personen stützte.

Trotz der ermutigenden Umfrageergebnisse muss noch viel getan werden, wenn der Ethikunterricht seine hochgesteckten Ziele dauerhaft bewältigen soll. Denn es bleibt unbestritten, wie wichtig ein gemeinsames werteorientierendes Unterrichtsfach für alle Berliner Jugendlichen ist. Wo sonst sollen sie so intensiv lernen, das Zusammenleben mit anderen in der heutigen sehr heterogen strukturierten Gesellschaft, in der sie sich zurechtfinden und bewähren müssen, selbstbestimmt, tolerant und respektvoll zu gestalten?

Wir hoffen, dass sich diese Einsicht auch in Politik und Gesellschaft stärker verbreitet und verankert wird. Dafür engagieren wir uns, dafür bitten wir um Ihre Mitarbeit, indem Sie das Thema weiterhin im Auge behalten und auch uns, die unmittelbar Betroffenen, zu Wort kommen lassen.

Neben der Möglichkeit, mit uns direkt in Kontakt zu treten, empfehlen wir auch einen Blick auf die Webseiten der Fachverbände Ethik und Philosophie.

Mit freundlichen Grüßen

Renate Rode                           Dr. André Schneider

Fachverband Ethik, Landesverband Berlin e.V.

Vorsitzende: Renate Rode

Tel: 0151 2071 0151 oder 030 805 53 85

http://www.proethik.info/fachverband-ethik-lv-berlin/

Fachverband Philosophie, Landesverband Berlin e.V.

Vorsitzender: Dr. André Schneider

Tel. 0163 780 92 92

www.fachverband-philosophie-berlin.de    (mit aktuellem Blog betroffener Lehrer zum Thema)



* Schülerzitat aus der erwähnten Umfrage. Weiter wird ausgeführt: „Ethik als Unterrichtsfach ist im Grunde eine wirklich tolle Sache, allerdings ist es schade, dass an den Schulen noch nicht so viele ausgebildete Ethiklehrer sind, die einem das Fach ‚artgerecht‘ vermitteln.“