Brief der Fachverbände Ethik und Philosophie an die Senatsbildungsverwaltung zur Situation des Ethikunterrichtes, des Ethikstudiums an der FU-Berlin und zur Fort- und Weiterbildung

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft

Herrn Staatssekretär für Bildung

Mark Rackles

Herrn Staatssekretär für Wissenschaft

Dr. Knut Nevermann

Bernhard-Weiß-Str. 6

10178 Berlin

Berlin, den 21. Juni 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Fachverbände Philosophie und Ethik Berlin haben anlässlich der Verabschiedung eines neuen Lehrerbildungsgesetzes die derzeitige Situation des Berliner Ethikunterrichts erörtert. Beide Verbände beklagen gleichermaßen die anhaltend schwierige Versorgung der Berliner Schulen mit fachlich und didaktisch qualifizierten Lehrkräften und die daraus folgenden teilweise gravierenden Qualitätsmängel des Ethikunterrichts.

Ausbildungssituation an den Universitäten

Es ist nach Auffassung der Fachverbände dringend erforderlich, Studienplätze in beträchtlichem Umfang bereitzustellen, um zumindest perspektivisch zu garantieren, dass der verbindliche, benotete Ethikunterricht in Berlin auch von ausgebildeten Kräften erteilt wird. Wir begrüßen in diesem Zusammenhang die übergreifende, d.h. berlinweite Einführung des sog. ‚Großen Masters’ für den Fachbereich Philosophie/Ethik. Durch diese Maßnahme darf jedoch keinesfalls das Studienangebot an der Freien Universität gefährdet werden. Es wäre absolut unverständlich, wenn angesichts des dramatischen Mangels an ausgebildeten Ethiklehrkräften nicht alles getan würde, um dieses Angebot zu erhalten und an die neuen Bedingungen des ‚Großen Masters’ anzupassen. Neben dem Studienangebot an der Humboldt-Universität muss es weiterhin eine didaktisch fundierte und praxisrelevante Lehramtsausbildung an der Freien Universität geben. Außerdem ist es notwendig, die Attraktivität des Studienfachs ‚Ethik’ zu erhalten bzw. zu steigern. Daher sollten die Studiengänge durchlässig angelegt sein, um einen Wechsel der Studierenden zu ermöglichen. Hierfür ist eine gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen der FU und der HU erforderlich.

Berufsbegleitendes Qualifizierungsangebot des Senats

Auch wenn die Universitäten ihre Angebote stark ausweiten, werden leider in nächster Zeit die universitären Absolventenzahlen dem tatsächlichen Bedarf an Ethiklehrkräften nicht im Geringsten entsprechen. Deshalb ist es unverständlich, dass die berufsbegleitende Weiterbildung für Ethik auf das Minimum von einem Seminar reduziert worden ist. Es gibt also derzeit pro Jahr ganze 25 bis 30 weitergebildete Lehrkräfte für alle Berliner Schulen. Die Zahlen, die auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Özcan Mutlu vom 13. Dezember 2010 genannt wurden, sind insofern völlig überholt, als eine Reihe von damals weitergebildeten Lehrkräften mittlerweile aus dem Schuldienst ausgeschieden ist bzw. nicht im Fach Ethik eingesetzt wird (mehr dazu weiter unten). Außerdem sollte gewährleistet werden, dass die vergebenen Zertifikate, die ohnehin nur in Berlin gültig sind, auch dauerhaft zum Erteilen von Ethikunterricht berechtigen. Viele junge Lehrkräfte, vor denen noch ein langes Lehrerleben liegt, befürchten, dass sie für den Ethikunterricht nicht mehr gebraucht werden, wenn irgendwann ausreichend Universitätsabsolventen in die Schulen kommen. Wir würden daher dafür plädieren, für diese Lehrergruppe zusätzlich im Sinne einer Durchlässigkeit der Ausbildungswege berufsbegleitende universitäre Studienangebote für Ethik oder auch Philosophie anzubieten.

Ethikunterricht – besorgniserregende Lage an vielen Berliner Schulen

Ein weiterer wichtiger Punkt, auf den die Fachverbände mit Dringlichkeit hinweisen möchten, ist der zahlreiche Einsatz nicht ausgebildeter und häufig auch am Fach nicht interessierter Lehrkräfte im Ethikunterricht. Von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus etlichen Berliner Schulen hören wir, dass viele Schulleitungen nicht darauf achten, wer das Fach Ethik unterrichtet, sondern dass die Ethikstunden als Stundenplan-Lückenbüßer benutzt werden. Infolgedessen ist in diesen Fällen eine Arbeit, die die Intentionen des Rahmenlehrplans aufzunehmen imstande ist, nicht möglich. Auch aus dem Kreis der Multiplikatoren der regionalen Fortbildung verlautete, dass sie bei ihren Besuchen in den Schulen bemerken mussten, dass Ethik als „Klassenleiterstunde“, als „Schülerentspannungsmaßnahme“ oder aber schlicht als „Laberfach“ gewertet wird. Nun plädieren wir keinesfalls für ein striktes Paukfach mit vielen schriftlichen Lernkontrollen. Aber gerade ein anspruchsvoller, die Reflexion fördernder, zum positiven Umgang miteinander befähigender Ethikunterricht, wie er in Berlin verpflichtend eingeführt worden ist, braucht Lehrkräfte, die in den besonderen Inhalten, Methoden und Formen dieses Unterrichts gut geübt sind. Aus diesem Grunde fordern wir, dass die Senatsschulverwaltung sich stärker als bisher darum kümmert, dass an den Berliner Schulen Ethikunterricht kompetent erteilt wird. Die Schulleitungen müssen intensiver als bisher darauf hingewiesen werden, dass sie ihre vorhandenen Ethiklehrkräfte auch in diesem Fach einsetzen und nicht vorrangig in deren anderen Fächern. Außerdem sollten sie stärker in die Pflicht genommen werden, in ihrer Personalplanung die Belange des Ethikunterrichts zu berücksichtigen. Schließlich fordern die Fachverbände eine Rechenschaftspflicht für die Schulleitungen, der gemäß mitgeteilt werden muss, wie viel Prozent des Ethikunterrichts an den Schulen bereits in kompetenten Händen liegen und welche Kooperationen eine Kompetenzerweiterung der übrigen Kollegen stärken.

Es ist den Fachverbänden bewusst, mit welchen Schwierigkeiten Universität und Schule vor allem aufgrund von finanziellen Engpässen zu kämpfen haben. Andererseits sehen wir, wie ein Unterrichtsfach, das mit großen Hoffnungen und Erwartungen, dazu mit viel Aufwand und Mühe zahlreicher Beteiligter in Berlin eingeführt wurde, im siebten Jahr seines Bestehens immer noch keinen angemessenen Platz im Schulleben finden durfte.

Die Fachverbände appellieren daher an alle Verantwortlichen in Schule und Hochschule, diese Probleme wahrzunehmen und alle erdenklichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine zufriedenstellende Lösung zu erreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Renate Rode (Fachverband Ethik)

Dr. André Schneider (Fachverband Philosophie)

Mit Unterstützung des Bundesverbandes Philosophie e.V. und des Bundesverbandes  Ethik e.V.

Kopien dieses Schreibens gehen an das:

–  Präsidium der Freien Universität, Herrn Prof. Dr. Peter-André Alt

–  Dekanat des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, Frau Prof. Dr.     Doris Kolesch

–  Dekanat des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frau Prof. Dr.       Karin Gludovatz

–  Institut für Vergleichende Ethik, Herrn Prof. Dr. Michael Bongardt

–  Institut für Philosophie, Frau Prof. Dr. Sybille Krämer