„In diesem Fach weiß ich es als Lehrer auch nicht unbedingt besser – das macht es so besonders“
Bericht zur Veranstaltung des Fachverband Ethik Berlin „20 Jahre Ethik für alle“ am 2. Juni 2026
Von Sebastian Vaupel
„Was ist Freiheit?“, fragt die Zehntklässlerin des Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums und erläutert ihre Reflexionen zur Frage in einer Rede, die den starken Auftakt zur Jubiläumsveranstaltung „20 Jahre Ethik für alle“ bildet. Zu dieser hat der Fachverband Ethik Berlin am 2. Juni in die Piazza der Kosmos-Schule in Lichtenberg geladen. Eine Zwölftklässlerin des Siemens-Gymnasiums widmet sich sodann der schwierigen Frage nach einem „gerechten Krieg“. Ob es Gott gibt, diskutieren Schülerinnen der Johann-Julius-Hecker-Schule auf ihren kreativen Flyern. Was das Fach Ethik seit zwanzig Jahren in Berlin leistet, zeigt sich am deutlichsten in solchen Ergebnissen aus dem Unterricht.

Zehntklässlerinnen
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass wir ein gemeinsames Wertefach für alle Lernenden von der 7. bis zur 10. Klasse haben – statt eines trennenden Bekenntnisunterrichts wie in anderen Bundesländern? Den Anfängen geht Margret Iversen in einer Videopräsentation nach: Ruth Priese blickt zurück auf die pädagogischen Konferenzen im „Haus des Lehrers“ im November 1989, in den Tagen des Mauerfalls: Die Demokratiebewegung in den letzten Monaten der DDR gab entscheidende Impulse für die Planungen der 90er Jahre hin zu L-E-R in Brandenburg und Ethik/Philosophie in Berlin. Gisela Raupach-Strey sorgte mit ihren Weiterbildungen für erste Fachkompetenz in einigen Berliner Modellschulen. Gerhard Weil erinnert an die GEW als wichtige Unterstützerin und Persönlichkeiten wie Gerd Eggers, die sich unermüdlich für nötige politische Rückendeckung des Bündnisses Pro Ethik eingesetzt haben. Michael Bongardt bildete als Professor Lehrkräfte für das neue Fach an der Freien Universität aus und träumt bis heute davon, dass andere Bundesländer sich vom Berliner Modell überzeugen lassen.

Was brauchen wir heute für guten Ethikunterricht? Darüber diskutieren im Anschluss die Didaktikprofessorinnen der HU und der FU, Kirsten Meyer und Julia Dietrich, der Fachseminarleiter Henning Franzen und der als „Lehrer des Jahres“ ausgezeichnete Jotam Felmy. Letzterer beschreibt die besondere Atmosphäre in einem Fach, in dem gemeinsam von den eigenen Erfahrungen ausgehend um Werte gerungen wird, ohne dass jemand den Anspruch erheben kann, die Lösung zu kennen. Ethik-Unterricht sei „Graswurzel-Demokratie“, spitzt die Gesprächsleitung zu.
In den vergangenen zwanzig Jahren wurde in der Lehrkräfteausbildung viel erreicht, das Fach wird von vielen kompetenten Lehrkräften unterrichtet – inzwischen auch von solchen, die es bereits als gemeinsames Wertefach für alle aus ihrer eigenen Schulzeit kannten. Doch erlebte es auch eine strukturelle Schwächung, als Politische Bildung als eigenständiges Fach auf Kosten des Stundenumfangs von Ethik eingeführt wurde. Und die gegenwärtige Bildungssenatorin setzt sich für einen trennenden Wahlpflichtbereich der Religionen und Weltanschauungen ein – im Widerspruch zum Volksentscheid von 2009 und ohne ersichtlichen äußeren Druck. Die bevorstehende Wahl zum Abgeordnetenhaus könnte also die Weichen stellen: Wird die Erfolgsgeschichte des Berliner Modells fortgeschrieben und kann weiterhin als Vorbild etwa für Terre des Femmes im Bemühen um ein gemeinsames Wertefach für alle dienen, oder wird es weiter unterhöhlt und die Desäkularisierung der Stadt schreitet voran?
Umso wichtiger war es, abschließend den bildungspolitischen Sprecher*innen ein Bekenntnis abzuringen: Während sich Maja Lasic (SPD) von ihrer Koalitionspartnerin abgrenzte und im Einklang mit dem Wahlprogramm ihrer Partei klar zu Ethik bekannte, sorgte sich Sandra Khalatbari (CDU) mehr um die Arbeitsbedingungen von Religionslehrkräften als um die Qualitäten des Faches Ethik. Louis Krüger (Bündnis 90/Die Grünen) ließ keinen Zweifel an seiner Unterstützung des Faches, trotz fehlender Nennung im Wahlprogramm. Franziska Brychcy (Die Linke) wies auf die Zwischenüberschrift „Ethik für alle“ im Wahlprogramm ihrer Partei hin und untermauerte diese Position.

Politisches Panel v.r.n.l.: F.Brychcy (Die Linke), L. Krüger (Grüne), S.Vaupel (FV Ethik), M. Lasic (SPD), S. Kahlatbari (CDU)
Insgesamt präsentierte sich das Fach eindrucksvoll: seine akademische Fundierung, seine qualifizierte Lehrer*innenschaft, seine beachtliche Beliebtheit unter Schüler*innen kamen klar zum Ausdruck. Bleibt die Hoffnung, dass auch über den Kreis der Anwesenden hinaus die Berliner Stadtgesellschaft ihr Pfund eines gemeinsamen Wertefachs wertzuschätzen versteht.
